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Für Katharina Morich

Vorbemerkung: Dies ist ein Kapitel aus meinem inzwischen nicht mehr erhältlichen Buch ‚Weil Liebe immer zu Liebe will‘, welches 2004 bei Goldmann Arkana erschienen ist. Das Buch handelt von meinem spirituellen Erwachen seit dem Jahr 2000, welches 2002 eine rasante Beschleunigung genommen hat. Heute sehe ich viele Dinge anders als vor zwanzig Jahren, aber ich kann mich immer noch gut in Menschen hinein versetzen, die mit ganz neuen Facetten von sich konfrontiert werden. 

Nach wie vor finde ich die Geschehnisse um die exzentrische Malerin Katharina Morich (verh. Malouf) berührend. Sie sind gleichzeitig komisch und tragisch und illustrieren nebenbei sehr anschaulich, wie wichtig es ist, sich nicht an einmal erlittenem Schmerz festzuhalten.

Das es eine ganz, ganz schlechte Idee ist, sein Bewusstsein mit psychoaktiven Substanzen zu verändern, wird hier einmal mehr klar. 

Der Kontakt mit Verstorbenen gehört heute nicht mehr zu meinem Portfolio. Das liegt auch daran, dass diese Art der Kontaktaufnahme ihren Preis hat, vor allem aber entspricht es nicht mehr meiner Art zu arbeiten. Was ist jedoch noch tue ist die energetische Klärung von Orten, die u.a. astral belastet sein können. 

Ich fand mich wirklich nicht medial. Na schön, ich hatte sowohl Luis viele Jahre nach seinem tödlichen Herzinfarkt gehört und meinen verstorbenen Freund Kai gesehen. Ich hatte auch meine Katze sechs Tage, nachdem ich sie begraben musste, im Garten spielen sehen. Einmal sah ich einen ehemaligen Nachbarn von Anja und mir am Tag nach seinem Tod in unserem Garten stehen. Er betrachtete unser Haus als wolle er sich noch mal in seiner alten Umgebung umsehen, ehe er sich ganz zurückzog. Vor ein paar Jahren haben Anja und ich ein Haus besichtigt, welches wir möglicherweise mieten wollten. Hinterher waren wir beide sicher, dass sich in diesem Haus jemand umgebracht hatte. In einer Art Vision sah ich ein Seil von der Decke hängen und hatte das starke Gefühl,  dass sich dort jemand erhängt hatte. Immer wieder hatte ich mehr oder weniger starke Vorahnungen, teils mit Bildern und Gefühlen verknüpft, aber jedes Mal habe ich diese Begebenheiten als Zufälligkeiten mental zu den Akten gelegt. Noch sah ich keinen Grund zu der Annahme, warum es diesmal anders sein sollte. Man könnte auch sagen, ich habe mit beiden Füßen auf der Leitung gestanden. (…)

Die Suche nach einem neuen Filmstoff brachte mich mit dem Nachlass einer in Spanien verstorbenen Malerin deutscher Herkunft zusammen. Auf äußerst verschlungenen Pfaden waren Katharina Morichs private Briefe, Tagebücher, Fotoalben und nicht zuletzt eine größere Sammlung von ihren Bildern in die Hände eines Kölner Galeristenpaares gelangt, die sie zu ihren Nachlassverwaltern auserkoren hatte. Die letzten Jahre ihres Lebens hatte Katharina alleine in einem Apartment in Malaga gelebt, unterbrochen von einigen Reisen, die sie jedes Jahr unternahm. In ihren Tagebuchaufzeichnungen war zum Beispiel eine Lücke von drei oder vier Wochen und der folgende Eintrag begann mit den lakonischen Worten ‚Musste mal eben nach Ägypten, die Pyramiden sehen.’ 

Furchtlos reiste sie noch hochbetagt und an zwei Krücken nach Peking oder zum Karneval nach Rio. Auf dem Weg nach Deutschland machte sie einen Abstecher nach Troja zu Schliemanns Ausgrabungen, weil es ihr in Deutschland gerade zu viel regnete. Eine Zugfahrt von München nach Frankfurt endete in Berlin, weil ihre Schuhe in Frankfurt noch feucht waren vom Münchner Regen und sie keine Lust hatte, mit feuchten Schuhen herumzulaufen. Abgesehen von ihren Reisen führte sie ein recht einsames, aber offenbar nicht unzufriedenes Leben. Sie malte, so lange ihre körperliche Kraft dafür ausreichte, Leinwand und Farbe hoch in ihre kleine Wohnung im achten Stock eines Apartmenthauses zu tragen. 

Katharinas Nachlass war anrührend und kurios zugleich. An sie gerichtete Liebesbriefe aus den Nachkriegsjahren hatte sie sorgfältig durchnummeriert und sogar die Umschläge aufbewahrt. Die  hinterlassenen Tagebücher waren keineswegs original, sondern Abschriften, die sie in selbst zusammengenähte Kladden übertragen hatte. Sie musste wochenlang in ihrem Stammcafé gesessen und ihre Tagebücher abgeschrieben haben, wobei sie vermutlich herauseditierte, was sie der Welt nicht überliefern wollte. Erst die letzten Eintragungen vor ihrem Tod waren unbearbeitet. Ihre Schrift war vom hohen Alter krakelig. Bis zu ihrem Tod wusste Katharina nicht, ob ihre Aufzeichnungen überhaupt jemals gelesen werden. Alleine und ganz ohne Verwandte und Freunde hatte sie ihre Kölner Nachlassverwalter durch eine Zeitungsnotiz in der EXPRESS gefunden und angeschrieben.

Meine Hoffnung, hier Anregungen für einen fiktiven oder semi-biografischen Film über Katharina zu finden, erfüllte sich nicht. Ich schaute mir die Bilder aus Katharinas Jugend an, auf denen sie mit den Tieren in ihrem Elternhaus spielt. Ich war berührt von der Zeichnung, die sie vom Sterbezimmer ihrer geliebten Mutter angefertigt hat. Ich konnte ihr Entsetzen über den Zustand ihres Elternhauses in Potsdam nachfühlen, als sie es nach vierzig Jahren zum ersten Mal wieder sah. Auch der Ärger über ihren belgischen Nachbarn in Malaga, der nachts im Schlaf schrie, erschien mir verständlich. Trotz alledem kam ich ihr einfach nicht näher. 

So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht nachfühlen, was für ein Mensch sie war. Ich wollte über sie schreiben, aber ohne Zugang zu ihrer Person und zu ihrem Wesen war mir das einfach nicht möglich. Den Absender der Liebesbriefe hatte sie auch nach jahrelangem innigen Schriftwechsel nicht geheiratet. In den Aufzeichnungen gab es stattdessen magere Hinweise auf zwei kurze und zweckmäßige Ehen. Dazwischen pflegte sie lange, sehnsüchtige Affären. Katharina hatte eine innige Beziehung zu ihrer Mutter, im übrigen schienen ihr Tiere und vor allem ihre Malerei etwas bedeutet zu haben. 

Gerade ihre Malerei verstörte mich geradezu, die Menschen auf ihren Bildern machten auf mich einen isolierten und unerträglich einsamen Eindruck. Selbst auf Bildern mit Paaren oder mehreren Menschen schaute sich selten jemand in die Augen, alle schienen sie einsam aneinander vorbei ins Nichts zu blicken. Ich las, dass Katharina als Kind an Kinderlähmung erkrankt war und seitdem leicht hinkte. Den Spott der anderen Kinder beschrieb sie als grausam. Sie zog sich immer mehr zurück und von da an stand ihre Behinderung zwischen ihr und den anderen Menschen. Auf vielen ihrer Bilder hat  sie sich selbst gemalt: Ein dünnes, rothaariges einsames Mädchen. Oberflächlich betrachtet wirkten die Bilder auf mich eher kitschig, dahinter fühlte ich einen abgrundtiefen Schmerz. Katharina selbst empfand die Stimmung ihrer Bilder vollkommen anders. Sie war in ihrem Leben am glücklichsten, wenn sie malte. Wenn ich male, dann tanze ich, schrieb sie. 

Rückblende. Vier Wochen vorher. Ich habe die Reihenfolge der Ereignisse um Katharina umgestellt. Die ganze Geschichte war so verworren, dass mir selbst der Kopf schwirrt, wenn ich versuche, den Original-Ablauf noch einmal in mein Gedächtnis zu holen. Ich wäre sehr froh, wenn ich als Drehbuchautorin die Phantasie hätte, eine solche Story zu entwickeln. In meinem Domizil in den Hügeln von Hollywood würde ich einen Blockbuster nach dem anderen verfassen. Ich wäre schwindelerregend reich und nach dem vierten Oscar würde ich die nächsten zehn Jahre nicht mehr persönlich zur Verleihung gehen, sondern ein Double schicken, weil ich nicht gerne lange still sitze. So, wie die Dinge liegen, war ich froh, über eine Freundin eine Karte für den Deutschen Fernsehpreis zu ergattern. 

Wie hängen jetzt der Deutsche Fernsehpreis, Katharina Morich und meine nächste, äußerst spontan anberaumte Sitzung bei Broder zusammen? Es hört sich merkwürdig an, aber es war ein Vollrausch, der alles verknüpfte. Ich kannte Katharinas Nachlass bis dahin nur vom Hörensagen, als Ulli mich fragte, ob ich Lust hätte, sie zur Preisverleihung zu begleiten. Ich ergriff die Gelegenheit und kaufte mir ein neues Kleid. Eine Tarnkappe wäre die bessere Investition gewesen. 

Nachdem die Preisverleihung vorbei und das Buffet eröffnet war, fand ich, dass ich nach den Herausforderungen der letzten Monate etwas Entspannung verdient hatte. Hier lockte eine farbenfrohe Palette hochprozentiger Entspannungsmittel. Zum ersten Mal seit Jahren betrank ich mich langsam, aber sehr, sehr gründlich. Ich erwähne das hier nur, weil es noch eine Rolle spielen wird. Erst 48 Stunden später war ich wieder klar genug um froh zu sein, dass die meisten Gäste bereits gegangen waren, als ich über den roten Teppich Richtung Ausgang kreiselte. Die beiden Ausgangstüren fest im Blick schaffte ich es immerhin, die Feier zu verlassen ohne hinzufallen. Auf dem Heimweg ließ der Taxifahrer die Scheiben herunter. Es war das letzte Mal in diesem Leben, dass ich mich so betrunken habe.

Am übernächsten Tag war ich einsatzfähig genug, eine Einladung zum Abendessen mit den beiden Galeristen anzunehmen, die Katharinas Nachlass betreuten. Bei Wein (die anderen) und Wasser (ich) unterhielten wir uns darüber, wie es war, als sie vor einigen Monaten einen Brief erhielten, der sinngemäß mit der Nachricht begann: Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich tot. Es stellte sich heraus, dass Katharina den Brief noch selbst zur Post gebracht hatte, bevor sie sich in ihrem Apartment das Leben nahm. Sie war gebrechlich geworden und fürchtete sich vor dem Tag, an dem ihr die Kraft fehlen würde zum Einkaufen. Dazu schrieb sie in ihrem letzten Tagebuch: „Es muss qualvoll sein zu verhungern – dabei esse ich doch so gerne ab + zu ein Stück Schokolade!“ Warum sie trotz ausreichender finanzieller Reserven niemanden engagierte, um ihr zur Hand zu gehen, blieb uns schleierhaft. Ihr Erbe vermachte sie jedenfalls den Schwestern der Mutter Teresa in Kalkutta, die sich darüber sehr gefreut haben dürften. Katharina schrieb noch, wo sie einen Hausschlüssel hinterlegt hatte. Jemand sollte kommen und ihren Leichnam abholen.

Ich fuhr mit gemischten Gefühlen nachhause. Wir hatten viel über  die mit aberwitzigen Details gespickte Geschichte gelacht, aber natürlich fanden wir es auch bedrückend, dass diese Frau ohne den Einsatz wildfremder Leute womöglich wochenlang tot in ihrer Wohnung gelegen hätte. Müde zuckelte ich in meinem Käfer in Richtung gemütliches Bett, als ich plötzlich eine dunkle Präsenz im Auto spürte. Dazu schrie mich eine Stimme an. ‚Katharina will etwas sagen! Katharina will etwas sagen!’ Oh nein, dachte ich, nicht schon wieder. Das durfte ja wohl nicht wahr sein. Hau ab, schrie ich innerlich zurück. Ich will jetzt mit Verstorbenen nichts mehr zu tun haben! An einer roten Ampel musste ich anhalten. Ein Lkw bremste auf der Spur neben mir. Mein Kopf fühlte sich auf einmal ganz merkwürdig an. Ich sah nach rechts zu dem Lkw und dachte: So, gleich geht die Tür auf, der Fahrer steigt aus und fragt mich etwas. Im nächsten Moment klappte der Fahrer seine Tür auf, stieg aus und fragte mich nach dem Weg zur Bonnstraße.  

Anja lag auf dem Sofa und zappte sich durch das Nachtprogramm, als ich in mein Haus kam. Ich fühlte mich nicht besonders gut und war erleichtert, dass ich jetzt nicht alleine sein musste. Wir waren zwar kein Paar mehr, aber weder Anja noch ich wollten nach so vielen gemeinsamen Jahren auf unsere Freundschaft verzichten. Anja war also dabei, als ich Katharina in dieser Nacht zum ersten Mal sah. Ich lag im Bett und wollte nur noch schlafen, als ich sie plötzlich klar und deutlich vor meinem inneren Auge sah. ‚Katharina ist da’, flüsterte ich zu Anja, ‚und sie ist überhaupt nicht gut drauf’. Das war wahrscheinlich die Untertreibung des Jahres. In Wirklichkeit war der Geist von Katharina so unglaublich wütend, wie ich noch nie jemanden oder etwas gesehen habe. Sie tobte mit einer Kraft, die mich gleichzeitig erschreckte und faszinierte.  Ganz schwarz sah sie aus, wie sie durch eine Art großen Raum tobte, in dem ihre Bilder hingen. Ein paar Gegenstände, die ich nicht genau erkennen konnte, waren auch in dem Raum. Katharina riss wie eine Furie ihre Bilder von den Wänden. Alles, was sie berührte, fing sofort Feuer, so zornig war sie. Bald loderten überall Flammen auf. Ein Inferno.

Noch eine ganze Weile musste ich mir Katharinas Zorn anschauen, bis sie endlich verschwand. Am nächsten Morgen wachte ich erleichtert auf. Kein Geist. Ich kann in Ruhe mit Anja frühstücken. Wir scherzten über unseren Frühstückseiern darüber, wie verrückt es wäre, nach Luis schon wieder einen Geist im Haus zu haben. ‚Diesen Geist möchte ich nicht im Haus haben’, sagte ich zu Anja. Ganz bestimmt nicht. Ich blieb den ganzen Tag über angespannt, aber von Katharina war nichts zu sehen.  Erst als ich mich abends gerade hingelegt hatte und nach meiner Bettlektüre griff, war sie plötzlich wieder da. Wie in der Nacht zuvor sah ich mir ihr Toben an, konnte weder lesen noch schlafen und wusste nicht, wie ich den Film abstellen soll. Als die Sonne wieder aufging, war ich völlig gerädert. Ich hatte kaum ein Auge zugetan und allmählich begann ich mich vor Katharinas Unmut zu fürchten. Während ich meine kleine Espressokanne auf die Herdplatte stellte, fiel mir plötzlich das Wort LSD in den Kopf. LSD, LSD, LSD. Ich grübelte. Tatsächlich hatte ich vor mehr als zwanzig Jahren mal ein paar Trips geschmissen, aber was hatte das jetzt mit der Situation mit Katharina zu tun? Kaum hatte ich an meinem Kaffee genippt, sah ich Katharina schon wieder toben. Langsam wurde es mir zu viel. Ich war erkältet, ich war übermüdet, ich wollte meine Ruhe haben. Außerdem kriegte ich richtig Schiss. 

Nach dem Kaffee tat ich etwas, was mir bis dahin so gut wie nie in den Sinn kam: ich betete. Ich betete um Hilfe. Falls mich ‚da oben’ irgend jemand hören sollte, hätte ich gerne ein Zeichen, dass es mit Katharina trotz des gegenteiligen Anscheins noch seine Richtigkeit hatte. Ich bat darum, mir jemand anders zu schicken, einen von meinen verstorbenen Lieben. Wenn mein Drittes Auge funktionierte, so meine Überlegung, dann müsste es ja auch für meine Lieben funktionieren. Im nächsten Moment überfiel mich eine bleierne Müdigkeit. Ich legte mich wieder ins Bett. ‚Schickt mir bitte jemanden, der mich beruhigt’ waren meine letzten Gedanken, bevor ich einschlief. 

Ich hatte einen luziden Traum, ich träumte also und wusste gleichzeitig, dass ich träumte. Im Traum stand ich in einem wunderbar hellen Raum. Dieser Raum schien überhaupt keine Begrenzung zu haben, alles war einfach nur hell. Wie aus dem Nichts kam meine geliebte Katze Wuschel zu mir, die ich bereits einmal als Geist gesehen hatte. Dankbar kniete ich mich hin und streichelte ihren Kopf. Sie sah mich mit diesem unglaublichen Wuschelblick an. Ihr Blick hatte mich schon zu ihren Lebzeiten des öfteren zu Tränen gerührt. Wer bist du? schien dieser Blick zu fragen, wer bist du? Ihr Blick konnte einen durchleuchten bis ins Mark. Das ist kein Tier, sagte ich oft zu Anja, das ist so eine Art Alien. Und jetzt war Wuschel hier, irgendwo auf Wolke 8 oder 9, und sah mich wieder so an. Ich streichelte sie und dann geschah das Unvermeidliche: ich brach in Tränen aus – und erwachte. 

Nach dem Traum war ich einigermaßen beruhigt. Mein Gebet war erhört worden. Ab und zu erschien Katharina, riss ein paar Bilder herunter, und verschwand wieder. Um mich ein bisschen abzulenken, beschloss ich nachmittags zum Einkaufen in die Stadt zu fahren. Hin und wieder schossen die Buchstaben LSD durch meinen Kopf, aber ich konnte damit nichts anfangen. Noch während ich in der S-Bahn saß, änderte ich meine Pläne. Ich hatte zum zweiten Mal an diesem Tag das Bedürfnis zu beten, und da es ein großes Gebet werden würde, wollte ich auch in eine große Kirche. Ich ging in den Dom. Mit Gebeten kannte ich mich nicht so aus, also versuchte ich es mit Freistil. ‚Das mit der Katze war wirklich lieb von euch,’ sagte ich, ‚aber ich kann immer noch nicht glauben, dass das kein Zufall war. Ich will, dass ihr mir noch eine Katze zeigt, und zwar hier, im Dom.’ Jetzt bin ich aber mal gespannt, dachte ich. Wo soll denn hier eine Katze herkommen? Ich schloss halb die Augen, blickte auf den Steinboden und ließ mich von meinem Gefühl durch den Dom führen. Vor einem der Sarkophage blieb ich stehen. Am Fußende der liegenden Bischofsfigur saßen zwei Tiere, ein Vogel – und eine Raubkatze. 

Dreiviertel beruhigt fuhr ich nachhause. Da schien wirklich jemand am Draht zu sein. Ich verstand trotzdem noch nicht, wieso ich mir Katharina immer wieder ansehen musste. Kaum zuhause angekommen, begann der nächste Wortbanner in meinem Kopf zu kreisen. ‚Ruf Broder an,’ drehte es sich in meinen Gedanken. ‚Ruf Broder an.’ ‚Tu ich nicht’, sagte ich bockig. ‚Ich bin erkältet, ich sehe fürchterlich aus und ich will jetzt auch niemanden sehen.’ Es dauerte keine vierundzwanzig Stunden mehr bis ich einknickte und knapp unterhalb der Hysterieschwelle bei Broder anrief. ‚Du musst mir helfen, sofort’, ließ ich ihn wissen ‚Ich habe diese Frau auf dem Hals und langsam gehe ich hier die Wände hoch.’ Zwei Stunden später saßen wir in Broders Wohnung und tranken Tee. ‚Die Geschichte ist so verrückt, die glaubst du nicht.’, sagte ich. Der seit seiner Kindheit hellsichtige Broder war nicht so leicht zu beeindrucken. Ich fühlte mich bereits viel besser. Jetzt würde ich endlich eine Erklärung für die letzten Tage bekommen. Ich rechnete damit, dass Katharina eine wichtige Botschaft für mich hätte, die ich unbedingt bei der Entwicklung eines Filmes über sie berücksichtigen sollte.   

Wie schon beim letzten Mal schloss Broder ohne weiteres Brimborium die Augen und schaute nach Katharina. ‚Ich sehe sie’, sagte er nach einer Weile, ‚und sie wird jetzt weggeführt. Man kümmert sich um sie.’  Wie jetzt? Wollte sie mir denn nichts mehr sagen? Broder fragte nach. ‚Nein’, sagte er. 

Nein. Ich war enttäuscht. Ein bisschen mehr Stoff hatte ich mir von dieser Sitzung schon erwartet.  Broder schwieg noch einen Moment und schaute. ‚Hier zeigt sich jemand anders, der mit dir reden will,’ sagte er. ‚Es ist dein Schutzengel, der jetzt hier vor mir steht.’ 

Mir fehlten die Worte. Broder beschrieb mir das Aussehen des männlichen Wesens. Er zeigte sich in einem langen Gewand, mit einem dunklen Streifen an jeder Seite. Ein sehr großer Mann mit kurzen Haaren und einem ernsten schmalen Gesicht. Seinen Namen wollte er nicht sagen. In meinem Kopf raste alles durcheinander. Wie groß doch der Unterschied ist, ob man zu einem anonymen ‚irgendwo da draußen’ betet, oder ob es dann plötzlich da ist, vor einem steht, ein Gesicht und eine Gestalt hat. Ich musste mich sehr konzentrieren, um nichts von dem zu verpassen, was Broder mir übermittelte.

Er fing mit dem Punkt an, den ich völlig vergessen hatte vor Broder zu erwähnen, nämlich mit dem LSD. Mein Schutzengel sagte, dass ich mir mit meinen paar Trips vor mehr als zwanzig Jahren etwas voreilig Tore geöffnet hätte, die der Kontrolle bedürfen. Bildlich ausgedrückt könnte man sagen, dass meine Tore in die anderen Dimensionen nicht mehr so stabil waren wie vorher. Und jedes Mal, wenn ich jetzt zum Beispiel Alkohol trank – und da sind wir endlich wieder beim Deutschen Fernsehpreis – wurden diese Tore noch durchlässiger. Deswegen hatte Katharina durchschlüpfen und mir einheizen können. Man hätte sie von der anderen Seite zwar abfangen können, hat sich dann aber dafür entschieden, dass sie mich ein zweites Mal zu Broder führen soll. Es war immer vorgesehen, dass ich im Laufe dieses Lebens medial werde. Meine Gabe machte es allerdings unumgänglich, dass ich ab sofort auf das Trinken von Alkohol und auf Zigaretten zu verzichten hätte, und zwar komplett.  

Wenn Broder mir gesagt hätte, dass ich ab morgen fliegen könnte, hätte ich nicht verblüffter sein können. Ich war ein einziges großes Fragezeichen. Um die Situation noch weiter aufzupeppen, klingelte es an der Haustür. Oh nein, dachte ich, jetzt geht mein Schutzengel bestimmt. Ich wollte das Gespräch schon gerne noch ein bisschen fortsetzen. Wer weiß, wann ich wieder die Gelegenheit hatte. Meike, eine gute Freundin von Broder, kam und holte sich ein paar Manuskripte ab. Sie strahlte ins Zimmer mit dem unverschämt glücklichen Ausdruck einer frisch verliebten Frau. 

‚Er lacht’, sagte Broder zu mir, nachdem Meike wieder gegangen war. ‚Er freut sich an Meike.’ Prima, dachte ich kleinlich, jetzt ist mein Schutzengel schon mal da, und dann freut er sich an jemand anders. Zweifellos wirkte die Trennung von Anja immer noch nach.

Nachdem mein Schutzengel also entgegen meiner Befürchtung immer noch da war, nutzte ich die Gelegenheit, um mich darüber zu beschweren, dass ich meinen wunderbaren Drehbuchauftrag verloren hatte. ‚Wir mussten dich da herausnehmen’, sagte mein Schutzengel. ‚Du hattest dich zu sehr festgefahren.’ 

Ich sagte ihm, dass ich mir Sorgen machte, weil es mir so vorkam, als ob mein Fokus auf meinen Beruf immer wieder verrutschte. Ich fand keinen richtigen Ansatz für neue Filmideen. ‚Darum geht es ja gerade’, übermittelte Broder den Engel, ‚Es geht darum, dass du den Fokus erst einmal loslässt.’ Ich grummelte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich ohne Aufträge mein Leben finanzieren sollte. ‚Es ist für alles gesorgt’, sagte mein Schutzengel.

Außerdem legte mein Schutzengel mir ans Herz, mir meine Freunde einmal anzusehen. Ich bräuchte nichts zu tun, ich sollte sie mir nur ansehen. Ich sollte prüfen, welche Menschen in meinem Leben wirklich gut für mich sind. Und dann gab er mir noch eine letzte Voraussage mit auf den Weg. ‚Du wirst nicht leiden.’ Hier machte Broder eine kleine Pause, bevor er weiter übermittelte. ‚Außer natürlich, du willst es so.’ 

Schon wieder eine Aussage, die mich verwirrte. Broder beschrieb mir, wie mein Schutzengel sich hinter mich stellte und mir die Hände auf die Schultern legte. Ich erstarrte vor lauter Anstrengung, etwas davon zu fühlen. Natürlich war ich viel zu verspannt dazu. Das Gespräch schloss mit der Bitte, in Zukunft morgens und im Sitzen zu meditieren, am Anfang nicht länger als 20 Minuten. Man würde mich wissen lassen, wenn ich die Zeit verlängern sollte. Klar, dachte ich, sicher, ihr sagt mir dann Bescheid. 

Ich verließ Broder in einem Zustand milder Euphorie. Das war alles viel zu phantastisch, als dass ich in dem Moment auch nur einen Fitzel davon begriffen hätte. Ich war immer noch erkältet, ich glühte vor Aufregung und ich hatte keinen Schimmer, was ‚medial sein’ bedeutet. Das nächste Wunder dieses Tages war jedenfalls, dass ich mein Käferchen nachhause steuerte, ohne eine Massenkarambolage auszulösen. Irgendwie ist es mir gelungen zu fahren ohne anwesend zu sein. Natürlich musste ich mich sofort jemandem mitteilen und telefonierte Anja herbei. 

Ohne Punkt und Komma erzählte ich ihr die ganze Geschichte, während vor uns das Abendbrot kalt wurde. Ich war gänzlich aus dem Häuschen darüber, dass mein Schutzengel bei mir gewesen war. Bis jetzt hatte ich ja nicht einmal gewusst, dass so ein Wesen wirklich existiert. Mitten in meinen Schilderungen fühlte ich, dass wieder jemand den Raum betrat. Diesmal war es ganz eindeutig kein Verstorbener, aber wer es war, habe ich bis heute nicht herausfinden können. Ich sagte ein paar Sätze zu Anja, die nicht aus mir kamen, sondern die einfach so durch mich hindurch flossen. Hinterher konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich gesagt hatte. Dann fühlte ich, wie sich jemand hinter mich stellte und ich hatte den Eindruck, er oder sie legte mir die Hände auf die Schultern. Im nächsten Moment begann ich am ganzen Körper blau zu leuchten. Fasziniert sah ich an mir herunter. Es war eine strahlend hellblaue Farbe, aus der lauter kleine goldene Funken sprangen. Mein Herz wollte vor Freude zerspringen und ich war so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Anja sah mich mit großen Augen an. ‚Du leuchtest ganz blau.’

Das blaue Leuchten hat mich noch den ganzen Abend bis in die Nacht begleitet. Sogar unter der Dusche ging es nicht weg, die goldenen Funken, die von meiner Haut sprangen, mischten sich mit den Wassertropfen. Das Leuchten wurde noch stärker und ich sah auf einmal  Gegenstände mit bunten Farben verziert, sogar die alten Heizkörper sprühten goldene Funken. Am nächsten Morgen war das Leuchten schwächer und bis zum Mittag war es ganz verschwunden. Wenn ich in diesem Moment meinen letzten Wunsch für dieses Leben äußern sollte, ich müsste nicht lange nachdenken: Ich möchte noch einmal so leuchten.

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